Was dein älterer Hund dir nicht sagen kann, Du aber wissen musst

Was dein älterer Hund dir nicht sagen kann, Du aber wissen musst

20/06/2017

Pawshake: Deinen Blogartikel auf veganblog.de beginnst Du mit einer Geschichte, einem Vergleich: „Stell dir vor du hast dich dazu entschieden, dich in einem exotischen (zumindest fremden) Land zur Ruhe zu setzen und du verstehst die Sprache nicht. Ein/e freundliche/r Einwohner*in kümmert sich um dich, aber versteht aufgrund der Sprachbarriere nicht, wie du dich fühlst. Über die Jahre bekommst du einige Schmerzen und letztendlich tut dir alles weh. Es fällt dir schwer, dich wohl zu fühlen. Du kannst nicht zum Doktor gehen, weil du nicht fahren kannst und dein/e Pfleger*in bemerkt nicht, dass du untersucht werden musst.“ Mit diesem Vergleich stellst Du klar, dass ein Hund ja nicht sagen kann, was ihm fehlt, sondern, dass er auf uns Betreuer angewiesen ist. Worauf sollte man besonders achten, wenn der geliebte Vierbeiner alt wird und was würdest Du für uns speziell hervorheben?

Dörte Röhl: Bette Davis sagte einmal „Das hohe Alter ist kein Ort für Memmen  und damit hatte sie wohl Recht –  wahre Worte und sie gelten genauso für unsere tierischen Mitbewohner wie für uns Menschen. Der Grund, warum es sehr wichtig ist, seinen Hund regelmäßig abzutasten und zu streicheln – jeden Tag – ist nicht nur wichtig, um ihm Zuneigung zu zeigen und ihm zu symbolisieren, dass Du Dich für ihn interessierst und ihn lieb hast, sondern auch um ihn gründlich zu begutachten und schnell zu bemerken, wenn etwas nicht stimmt. Schau Dir besonders Deinen alternden Vierbeiner so oft es dir möglich ist, mindestens aber täglich an,  um nichts zu übersehen.

Pawshake: Was sollte man sich denn laufend genau ansehen, worauf sollte man dabei achten?

Dörte Röhl: Schau in seinen Mund und seine Ohren, schaue auch unter der Rute nach, untersuche genau das Fell, ob es irgendwelche Veränderungen gibt, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Schau dir auch die Pfoten genau an – von der Kralle bis zum Ballen. Nimm niemals (!) an, dass ein „komisches neues Verhalten“ oder Symptom „nur am hohen Alter“ liegt!

Pawshake: Wir sind für unsere Vierbeiner verantwortlich, egal ob Welpe oder Senior. Welchen Ratschlag würdest Du uns speziell in Bezug auf einen alten Hund mitgeben, was darf man nicht vergessen?

Dörte Röhl: Man sollte niemals vergessen: Wir müssen nach Problemen „suchen“ und auf sie aufmerksam werden, die das Leben für den tierischen Mitbewohner unangenehm oder lebensbedrohlich machen könnten. Dein Hund ist davon abhängig, dass Du etwas bemerkst und Ausschau hältst, wenn etwas nicht stimmt oder es ihm nicht gut geht. Und wenn etwas nicht stimmt, zählt manchmal jede Sekunde. Als Tierhalter oder Tiersitter: Du hast die Verantwortung und auch die Chance, Deinem Hund zu helfen. Lieber einmal zu oft zum Tierarzt gehen, als einmal zu wenig.

Pawshake: Welche Warnsignale sollte man kennen? Auf welche gesundheitlichen Probleme sollte man schauen?

Dörte Röhl: Hier habe ich nur einige Warnsignale/ Gesundheitsprobleme zusammengetragen, nach denen man schauen sollte:

  • Verhalten: Energielosigkeit, „exzessive“ Schläfrigkeit, Depressionen, Rückzug, Mangel an Interesse, Winseln, Hecheln, Missmut, Beißen, Aggressionen, Verwirrtheit/Orientierungslosigkeit, im Kreis laufen
  • Generell: aufgeblähter Bauch, Muskelschwund, plötzliche Gewichtsabnahme oder -zunahme, Abmagerung, Übergewicht, Dehydratisierung (wenn die Haut nicht mehr zurück springt, wenn sie zusammengezwickt wird), ein Zusammenkrümmen, hängender Kopf, erhöhte Wasseraufnahme, häufiger oder verminderter Harnabsatz, erkennbar verdünnter oder konzentrierter Urin
  • Fell: sprödes Fell, Öligkeit, Rauheit, schlechter Geruch, exzessives Haaren, Hautschuppen, Glanzlosigkeit, Haarverlust, „Flecken“
  • Haut: Rötung, Rauheit, Triefen, Verletzungen, Entzündungen (sehr warme Areale), Schorf, Parasiten (Flöhe, Zecken usw.), Juckreiz
  • Skelett: Steifheit, Probleme damit, aufzustehen oder zu laufen; Unfähigkeit, sich zu putzen; Humpeln, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Orientierungsmangel, unnormale Ausrichtung oder Position der Glieder, unnormaler Verschleiß der Krallen
  • Augen: Zusammenkneifen, Trübheit, Verschwommenheit, Wässrigkeit, Trockenheit, Juckreiz, Ausfluss, Schwellung, Verfärbung, Rötung, das dritte Augenlid (Nickhaut) ist dauerhaft zu sehen, schlechte Sehkraft
  • Ohren: Kopfschütteln, Kopfneigen (Kopfschiefhaltung, Juckreiz, unangenehmer Geruch, Rötung, Krusten, Ausfluss, Bluterguss, Hörverlust
  • Nase: Ausfluss, Schorf, Risse, Krusten, Verstopfung, laute Atemgeräusche (auch siehe weiter unten)
  • Maul: schlechter Geruch, Belag auf den Zähnen, Rötung des Zahnfleischs, schwindendes Zahnfleisch, farbloses Zahnfleisch, kaputte Zähne, lose Zähne, exzessive Speichelbildung/Sabbern, Probleme mit dem Kauen/Schlucken
  • Atmung: Keuchen, gezwungene Atmung, unregelmäßiges Atmen, flache Atmung, rasante Atmung, Husten, Würgen, Rückwärtsniesen, Stauung, Atmen mit geöffnetem Mund
  • Verdauung: Appetitverlust, Durchfall, loser Stuhlgang, blutiger Stuhlgang, schwarzer Stuhlgang, Verstopfung, Übergeben
  • Anus/Genitalien: Rötung, Ausfluss, Schwellung, ungewöhnlicher Geruch, exzessives Lecken, Kauen, Wetzen
  • Pfoten: überwucherte oder eingewachsene Nägel, gespaltene Nägel, Leckdermatitis, Pfotenabnutzung

Pawshake: Du hast geschrieben, dass viele dieser Symptome oft (noch) gut behandelbar sind.

Dörte Röhl: Ja, Du solltest also möglichst schnell zum Tierarzt deines Vertrauens gehen und die Sache abklären lassen, damit es zumindest Linderung gibt und die Lebensqualität deines Vierbeiners erhalten bleibt. Natürlich sind nicht alle Probleme behebbar, aber in den allermeisten Fällen unter einer Behandlung zumindest besser für Deinen vierbeinigen Freund zu ertragen.

Pawshake: Besonders gute Tipps gibst Du in Bezug auf die Pflege eines Hunde-Seniors, was kannst Du uns hier mitgeben?

Dörte Röhl: Ich habe in meinem Blog eine Liste an Do’s und Dont’s der Pflege eines Hunde-Senioren zusammengetragen. Ich erhebe natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die wichtigsten sind meiner Meinung nach folgende Tipps:  

  • Do: erhöhte Essen- und Trinkschüsseln
  • Do: gehe und spiele mit Deinem Tier und trainiere ihn/sie – (angemessene) Bewegung und Aktivitäten sind gut für den Körper
  • Do: stelle sicher, dass Dein Hund häufiger „Gassi gehen“ kann
  • Do: hilf Tieren, im Winter warm zu bleiben (Jacken, Sweater, erhitzbare Kissen) und im Sommer kühl zu bleiben (Planschbecken, Ventilatoren, Klimaanlage)
  • Do: stelle innen rutschfeste Böden bereit
  • Do: stelle einen weichen gemütlichen Ruheort bereit – Linderung für alternde schmerzende Gelenke
  • Do: gib Deinem Tier einen sicheren, ruhigen und friedvollen Ort zum Rückzug – toleriere wenn er/sie mehr Ruge benötigt als zuvor
  • Do: überlege Dir, eine permanente Rampe/Treppe für Hunde und eine zusammenklappbare in Deinem Auto zur Verfügung zu stellen
  • Do: lasse sein/ihr Blut einmal im Jahr checken, auch wenn Du denkst, dass alles okay ist
  • Don’t: lasse Dein Tier nicht aus dem Auto, von der Couch oder vom Bett springen
  • Don’t: nimm nicht an, dass gesundheitliche Probleme nur ein unvermeidbarer Nebeneffekt des hohen Alters sind – suche Dir eine professionelle Beratung von einem Tierarzt deines Vertrauens
  • Don’t: schicke Dein Tier nicht durch schmerzhafte Operationen oder andere Prozeduren, die geringe Chancen auf ein verlängertes Leben haben, die mit einer langen oder schwierigen Rehabilitation Hand in Hand gehen und keine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringen

Pawshake: Eine der wohl schwierigsten Aufgaben als Tierhalter ist es, sich für den richtigen Zeitpunkt zu entscheiden, wenn „die Zeit gekommen ist“ sich von seinem Liebling zu verabschieden. Was kannst Du uns hier als Tierärztin für einen Ratschlag geben?

Dörte Röhl: Einige Zustände sind nicht heilbar und verursachen erhebliche Leiden und verursachen das Fehlen jeglicher Lebensqualität. Wenn Du Dir ziemlich sicher bist, dass Dein Tier jeden Tag (z.B. unter Schmerzen leidet) und/oder unter einer unheilbaren Krankheit, verlängere nicht die Qual, nur weil dir die Entscheidung, Deinen tierischen Mitbewohner einschläfern zu lassen, schwer fällt. Setze den Schmerz Deines Tieres an erste Stelle, nicht Deinen eigenen Kummer. Unsere Tiere verdienen einen würdevollen, friedvollen Tod – bevor (!) das tägliche Leben zur unerträglichen Last wird. Wenn Du dir unsicher bist, sprich mit jemandem, dessen Beurteilung Du vertraust. Hole Dir eine zweite und wenn Du sie brauchst auch eine dritte Meinung ein, aber wenn dein Bauchgefühl Dir sagt, dass Dein Tier nur noch leidet, warte nicht ab. Besprich Deine Entscheidung auch mit Deinem Tierarzt, der Deinen Hund gut kennt. Er wird Dir gerne bei der sehr schweren Entscheidung helfen, die am Ende des Lebens Deines vierbeinigen Freundes ansteht. Am angenehmsten für Deinen Liebling ist eine Einschläferung zu Hause.

Pawshake: Liebe Dörte, ein herzliches Danke für dieses ausführliche Interview und die guten Ratschläge. Wir freuen uns, dass Du Dir Zeit genommen hast und hoffen bald wieder etwas von Dir zu lesen, Alles Liebe!